Halbgewendelt

180°-Wendung für kompakte Treppenhäuser. Maximale Höhe auf minimaler Grundfläche.

Eine halbgewendelte Treppe ist eine Treppenform, bei der der Lauf nach einer bestimmten Anzahl von Stufen um 180° gewendelt wird, wobei zwischen den gegenläufigen Läufen ein Podest – das sogenannte Wendepodest – angeordnet ist. Sie stellt einen klassischen und platzsparenden Lösungsansatz im mehrgeschossigen Wohnungs- und Objektbau dar und kombiniert die Vorteile gerader Läufe mit einer kompakten Grundrissfigur. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Grundlagen, Normen und zeigt am Beispiel einer innovativen Faltwerkkonstruktion aus ultrahochfestem Faserbeton die Zukunftsperspektiven im Treppenbau.

Dieser Leitfaden erklärt die DIN-Normen für Podeste, vergleicht Materialien und stellt innovative Bauweisen vor.

Halbgewendelte Treppen

01Technische Grundlagen & Definition

Die halbgewendelte Treppe besteht aus zwei gegenläufigen, geraden Läufen, die über ein Zwischenpodest miteinander verbunden sind. Die Wendung erfolgt typischerweise um 180°, kann aber auch andere Winkel umfassen, solange ein podestartiger Absatz vorhanden ist.

  • BauphysikAls tragendes Bauteil muss die Treppe statische Lasten aus Eigengewicht, Verkehrslast (nach DIN EN 1991-1-1) und ggf. Geländerlasten sicher in die angrenzende Baukonstruktion ableiten.
  • EinsatzbereicheSie sind besonders dann die erste Wahl, wenn die lichte Geschosshöhe und die verfügbare Grundfläche eine gerade einläufige Treppe nicht zulassen, ein vollständig gewendelter Lauf (Spindeltreppe) aber nicht den Komfort- oder Nutzungsanforderungen entspricht.
Technische Zeichnung IsometrieGrundriss

02Normen, Vorschriften & Sicherheitsanforderungen

Die Planung und Ausführung von halbgewendelten Treppen unterliegt strengen bauaufsichtlichen Vorschriften. Die DIN 18065 ist die zentrale Richtlinie.

KriteriumVorgabe / WertErläuterung
Schrittmaß (2s + a)59 cm – 65 cmTypische Werte sind z.B. 17/29 cm oder 18/28 cm für optimalen Gehkomfort.
Laufbreite (Wohngebäude)min. 80 cmMindestmaß für Wohngebäude mit bis zu zwei Wohnungen.
Laufbreite (Schulen)min. 125 cmHöhere Anforderungen für öffentliche Gebäude und Schulen.
Podesttiefe≥ LaufbreiteDie Tiefe des Wendepodests muss mindestens der Laufbreite entsprechen.
Geländerhöhemin. 90 cmBei Absturzhöhen bis 12m (Wohnbau).

03Aufbau und Komponenten

Lauf

Stahlbeton, Holz, Stahl, Naturstein

Bildet die eigentliche, begehbare Steigungslinie.

Bei halbgewendelten Treppen existieren zwei Läufe, die meist parallel zueinander angeordnet sind.

Wendepodest

Identisch mit Laufmaterial

Ermöglicht die Richtungsänderung und dient als Erholungsabsatz.

Muss statisch als horizontales Tragelement ausgelegt sein. Tiefe ≥ Laufbreite.

Trittstufe

Holz, Beton, Keramik, Stahl

Horizontale Trittfläche.

Auftrittsbreite muss über den gesamten Lauf konstant sein.

Setzstufe

Holz, Gipskarton, Metall

Vertikales Element zwischen zwei Trittstufen.

Verbessert die Tragwirkung und den Brandschutz (oder entfällt bei offener Bauweise).

Treppenwange

Massivholz, Stahl, Stahlbeton

Seitliches Tragelement.

Bei massiven Treppen oft integraler Bestandteil des Laufquerschnitts.

Geländer/Handlauf

Holz, Edelstahl, Glas

Sicherung gegen Absturz und Gehhilfe.

Der Übergang am Podest muss durchgehend und ergonomisch gestaltet sein.

04Vorteile, Nachteile und Einsatzempfehlungen

Vorteile

Platzsparender als gerade Treppen:
Bei gleicher Überwindungshöhe deutlich kompakter.
Komfortable Gehpause:
Das Zwischenpodest bietet Sicherheit und Erholung.
Klare Geometrie:
Einfachere statische Berechnung als bei Spindeltreppen.
Schacht-Integration:
Gute Integration von Aufzügen im Treppenauge.

Nachteile

Größerer Platzbedarf als Spindeltreppen:
Benötigt mehr Grundfläche als eine reine Wendeltreppe.
Konstruktiver Aufwand:
Der Podestanschluss kann statisch und konstruktiv anspruchsvoll sein.

Einsatzempfehlung

  • Geeignet für: Praktisch alle mehrgeschossigen Gebäudetypen (Mehrfamilienhäuser, Büros), bei denen ein Kompromiss aus Platzbedarf, Begehkomfort und Sicherheit gesucht wird.
  • Weniger geeignet für: Sehr beengte Grundrisse, wo eine Wendeltreppe die einzige Option ist, oder repräsentative Eingangshallen, die oft eine große, einläufige Prunktreppe erfordern.

Innovative Bauweise: Die Faltwerktreppe (UHPC)

Eine wegweisende Entwicklung im Bereich massiver Treppen ist die Faltwerktreppe nach dem Patent DE102010018348A1. Diese Technologie revolutioniert den konventionellen Stahlbetontreppenbau durch den Einsatz von ultrahochfestem faserbewehrtem Beton (UHPC).

Herkömmliche Stahlbetontreppen benötigen eine aufwändige Stahlbewehrung. Die patentierte Faltwerktechnik ersetzt diese durch eine gezielte Faserbewehrung (Stahl-, PVA-, Basalt- oder Kohlenstofffasern), die in Richtung der Hauptzugspannungen im Beton orientiert wird.

Extreme Schlankheit

Das Schlankheitsverhältnis (Länge zu Dicke, L/d) kann ≥ 40 erreichen, im Vergleich zu ca. 20 bei herkömmlichem Stahlbeton. Extrem filigran.

Geringes Eigengewicht

Wiegt nur etwa ein Viertel einer vergleichbaren Stahlbetontreppe. Entlastet die Statik des Gebäudes massiv.

Vorfabrikation

Kann als fertiges Faltwerkelement werkseitig produziert und schnell montiert werden.

Designfreiheit

Die filigrane Bauweise eröffnet Architekten völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten für moderne Innenräume.

06Planung & typische Fehlerquellen

Frühe Integration

Die Treppe muss früh im Grundriss fixiert werden. Zu klären sind Anbindungspunkte und Durchgangshöhen (min. 2,00 m).

Lastabtragung

Besonderes Augenmerk liegt auf der Lastabtragung vom Podest in die Läufe und weiter in die Auflager.

Typische Fehlerquellen

  • Nichteinhalten der Schrittmaßregel (unbequem).
  • Zu schmale Podesttiefen (< Laufbreite).
  • Statisch unzureichende Aussteifung des Podestbereichs.
  • Ungenaue Passungen bei vorgefertigten Elementen.

07Pflege, Wartung & Kosten

Kostenfaktoren

  • Standard (Stahlbeton): Günstig
  • Design (Stahl/Holz): Mittel
  • High-End (UHPC/Massivholz): Teuer
  • Hinweis: UHPC ist teurer im Material, spart aber oft bei Montage und Unterkonstruktion.

Lebensdauer & Pflege

  • Beton/UHPC: Sehr hoch (Jahrzehnte). Kaum Wartung nötig (keine Korrosion bei Faserbeton).
  • Holz: Regelmäßige Kontrolle auf Knarren. Alle paar Jahre ölen/versiegeln.
  • Stahl: Rostkontrolle an Schweißnähten erforderlich.

08FAQ & Wichtige Fakten

Was ist der Unterschied zwischen einer halb- und einer viertelgewendelten Treppe?

Bei einer halbgewendelten Treppe beträgt der Richtungswechsel 180° (U-Form), bei einer viertelgewendelten Treppe sind es nur 90° (L-Form). Halbgewendelte Treppen benötigen meist mehr Platz, bieten aber durch ein optionales Podest mehr Komfort.

Wie breit muss das Wendepodest bei einer halbgewendelten Treppe mindestens sein?

Gemäß DIN 18065 muss die Tiefe des Wendepodests mindestens der nutzbaren Laufbreite der Treppe entsprechen. Bei einer Standardlaufbreite von 100 cm muss das Podest also mindestens 100 cm tief sein.

Kann eine halbgewendelte Treppe auch ohne Setzstufen (offen) gebaut werden?

Ja, als sogenannte 'offene' Bauweise. Dies wirkt optisch leichter und transparenter, hat aber Nachteile im Schallschutz und ist in notwendigen Treppenräumen von Mehrfamilienhäusern aus Brandschutzgründen oft unzulässig.

Was bedeutet das Schlankheitsverhältnis L/d bei der Faltwerktreppe?

Das Schlankheitsverhältnis (Länge zu Dicke) beschreibt die Filigranität. Eine UHPC-Faltwerktreppe erreicht Werte ≥ 40, was bedeutet, dass sie bei gleicher Spannweite nur halb so dick sein muss wie eine konventionelle Betontreppe (L/d ≈ 20).

Welche Vorteile hat Faserbeton gegenüber Stahlbeton?

Stahlfasern oder textile Bewehrungen verhindern Rissbildung effektiver, eliminieren die Korrosionsgefahr von Bewehrungsstahl und ermöglichen extrem dünnwandige, leichte Bauteile.

Ist für eine halbgewendelte Treppe immer eine statische Berechnung nötig?

Ja, als tragendes Bauteil, das Lasten aus zwei Richtungen in die Wände oder Decken einleitet, ist ein individueller Standsicherheitsnachweis zwingend erforderlich.

Fazit

Die Zukunft des Treppenbaus ist filigran und effizient

Die halbgewendelte Treppe bleibt ein unverzichtbarer Klassiker in der Architektur, der Komfort, Sicherheit und Platzersparnis vereint. Die strikte Einhaltung der Normen wie DIN 18065 ist dabei nicht verhandelbar. Die eigentliche Innovation liegt jedoch in den Materialien und Bauweisen. Wie das Beispiel der Faltwerktreppe aus ultrahochfestem Faserbeton zeigt, ermöglichen neue Technologien extrem schlanke, leichte und dennoch hochtragfähige Konstruktionen. Diese Entwicklung verspricht nicht nur wirtschaftliche Vorteile durch Vorfabrikation und geringeres Gewicht, sondern eröffnet Architekten auch völlig neue gestalterische Freiheiten. Für Bauherren und Planer lohnt es sich, über den Standard hinauszublicken und diese zukunftsfähigen Lösungen in Betracht zu ziehen.

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