Normen

DIN EN 115: Sicherheit von Fahrtreppen und Fahrsteigen

Alles über Rolltreppen-Sicherheit: Synchronlauf von Handlauf und Stufen, Einzugsstellen, Not-Halt-Anforderungen und Nachrüstpflichten für Bestandsanlagen.

Maschinell bewegte Treppen: Die DIN EN 115 regelt die Sicherheit von Fahrtreppen (Rolltreppen) und Fahrsteigen (Rollsteigen). Diese Anlagen unterliegen der EU-Maschinenrichtlinie und haben eigene, strenge Anforderungen, die in der Gebäudetreppen-Norm DIN 18065 explizit ausgenommen sind.

Warum eine eigene Norm?

Fahrtreppen transportieren täglich Millionen Menschen in Einkaufszentren, Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden. Im Gegensatz zu Treppen bergen sie spezifische Gefahren durch bewegliche Teile: Einzugsstellen an den Stufen, der endlos laufende Handlauf und das komplexe Zusammenspiel von Mechanik, Elektrik und Steuerung erfordern eigene Sicherheitsvorschriften.

EN 115-1:2017
Neuanlagen
EN 115-2:2021
Bestandsanlagen
Maschinenrichtlinie
2006/42/EG

Interaktiver Rechner: Sicherheits-Check Ihrer Fahrtreppe

Prüfen Sie anhand weniger Eingaben, ob Ihre Fahrtreppe den aktuellen Sicherheitsanforderungen entspricht und wo Nachrüstbedarf besteht.

Sicherheitsbewertung
Guter Sicherheitsstandard
Not-Halt-Schalter: Schalter an Ein- und Ausstieg vorhanden
Handlauf-Synchronlauf: Handlauf und Stufen laufen synchron (0-2%)
Seitliche Schutzeinrichtung: Bürsten an Stufenspalten vorhanden
Letzte Prüfung: Prüfung innerhalb der letzten 12 Monate
Anlagenalter: Moderne Anlage (< 10 Jahre) nach EN 115-1:2017

1Struktur der Normenreihe DIN EN 115

Die Norm gliedert sich in mehrere Teile, die unterschiedliche Aspekte und Anwendungsfälle abdecken:

Teil 1: Konstruktion & Einbau

DIN EN 115-1:2018-01

Gilt für alle neu zu errichtenden Fahrtreppen und Fahrsteige. Definiert sicherheitstechnische Anforderungen an Design, Material, Antrieb und Installation.

  • CE-Kennzeichnung erforderlich
  • Harmonisiert mit Maschinenrichtlinie
  • Vermutungswirkung bei Anwendung

Teil 2: Bestandsanlagen

DIN EN 115-2:2021-12

Regeln für die Erhöhung der Sicherheit bestehender Anlagen. Ermöglicht einen risikobasierten, schrittweisen Nachrüstansatz für ältere Fahrtreppen.

  • Risikobewertung nach Kategorien
  • Selektive Nachrüstung möglich
  • Wirtschaftliche Planung

2Kritische Sicherheitsbereiche

Fahrtreppen weisen aufgrund ihrer Konstruktion spezifische Gefahrenstellen auf, die normativ geregelt sind:

Einzugsstellen

Zwischen Stufen und Seitenwand (Sockelblech) bestehen Spalte, die Kleidung, Schuhe oder Finger einziehen können.

Grenzwert: Max. 4 mm pro Seite, max. 7 mm gesamt

Handlauf-Einzug

Der Gummi-Handlauf wird an beiden Enden in das Gehäuse eingezogen - Gefahr für Finger, Haare und Schals.

Schutz: Einlaufschutz / Abweiserplatten

Kammplatten

Am Ein- und Ausstieg verzahnen sich die Stufen mit den Kammplatten. Schnürsenkel und lange Kleidung können sich verfangen.

Maßnahme: Gelbe Markierungsstreifen, Warnhinweise

Besondere Risikogruppen

Kinder

Finger in Spalten, Spielen auf Stufen

Senioren

Gleichgewicht, Reaktionszeit

Gummistiefel

Weiches Material kann eingezogen werden

Sehbehinderte

Schwierige Orientierung

3Handlauf-Synchronisation

Ein zentrales Sicherheitsmerkmal ist der Gleichlauf von Handlauf und Treppenstufen. Wenn der Handlauf langsamer läuft als die Stufen, können Passagiere nach hinten fallen.

ParameterAnforderung
Geschwindigkeitstoleranz0% bis +2%
ÜberwachungAutomatische Abschaltung
Nenngeschwindigkeitmax. 0,5 m/s (Standard)
Handlauf-Bruchlastmin. 25 kN

Warum läuft der Handlauf manchmal schneller?

Ein leicht schnellerer Handlauf ist Absicht: Er kompensiert Verschleiß und Schlupf des Gummibandes. Ein zu langsamer Handlauf würde dazu führen, dass Passagiere nach hinten kippen - deutlich gefährlicher als ein leicht schnellerer Handlauf.

4Not-Halt-Einrichtungen

Im Notfall muss die Fahrtreppe sofort gestoppt werden können. Die Anforderungen an Not-Halt-Schalter sind streng geregelt:

Position der Schalter

  • Pflicht: Am Eingang (unten) und Ausgang (oben) jeder Fahrtreppe
  • Lange Anlagen: Bei >30m Länge zusätzliche Zwischenschalter
  • Sichtbarkeit: Gut erreichbar und für jedermann bedienbar

Technische Anforderungen

  • Farbe: Rot auf gelbem Hintergrund (seit 2018 verschärft)
  • Verriegelung: Nach Auslösung muss manuell entriegelt werden
  • Neustart: Kein automatisches Wiederanlaufen nach Reset
Unterscheidung
Not-Halt vs. Not-Aus
Not-Halt

Stoppt gefahrbringende Bewegungen. Die Anlage bleibt unter Spannung, wird aber angehalten. Standard bei Fahrtreppen.

Not-Aus

Trennt die Anlage komplett vom Stromnetz. Schützt vor elektrischen Gefährdungen, nicht nur vor Bewegung.

5Schutzmaßnahmen gegen Einzug (EN 115-1:2017)

Die 2017er-Überarbeitung der Norm hat die Anforderungen an Schutzeinrichtungen deutlich verschärft:

SchutzmaßnahmeBeschreibung
Schürzen-BürstenStationäre Bürsten im Spalt zwischen Stufe und Seitenwand
SchrägplankenEdelstahl/Glas-Planken mit Schrägstellung (Abrutscheffekt)
StufenstegeVertikale Rillen auf der Stufenvorderseite
Kammplatten-DesignOptimierte Verzahnung gegen Einklemmen

6Neuerungen EN 115-1:2017 (aktuelle Fassung)

Die Überarbeitung der Norm brachte umfangreiche Sicherheitsverbesserungen:

Elektrische Bremse

Zusätzliche elektrische Bremseinrichtung zur mechanischen Betriebsbremse für redundante Sicherheit.

Brandschutz

Neue Anforderungen an Brandverhalten von Materialien und Brandschutzabschottungen.

Zwei-Hand-Revision

Revisionssteuerung erfordert beidhändige Bedienung - verhindert Unfälle bei Wartung.

Seismik

Erstmals Anforderungen für erdbebensicheres Design in der Norm verankert.

Bidirektionaler Betrieb

Neue Regelungen für den 2-Richtungs-Modus bei umschaltbaren Fahrtreppen.

Stopp-Anzeige

Hinweisschild für die Notabschalteinrichtung wurde standardisiert und verschärft.

7Nachrüstung nach EN 115-2 (Bestandsanlagen)

Teil 2 der Norm ermöglicht einen risikobasierten Ansatz für bestehende Fahrtreppen. Nicht jede alte Anlage muss sofort komplett erneuert werden:

Risikobewertungsprozess

1Hohes Risiko

Sofortiger Handlungsbedarf. Betrifft z.B. fehlende Not-Halt-Schalter oder defekte Bremsen.

2Mittleres Risiko

Mittelfristige Maßnahmen. Z.B. fehlende Bürsten an Spalten, veraltete Steuerung.

3Niedriges Risiko

Langfristige Optimierung. Komfort- und Effizienzverbesserungen ohne akute Gefahr.

Wichtig für Betreiber

Die EN 115-2 bietet einen wirtschaftlich tragbaren Weg zur Modernisierung. Maßnahmen können schrittweise umgesetzt werden. Für jede Anlage kann individuell geprüft werden, welche Nachrüstungen Priorität haben.

8Prüfpflichten und Wartung

Fahrtreppen unterliegen als überwachungsbedürftige Anlagen besonderen Prüfpflichten:

Wiederkehrende Prüfungen

  • Hauptprüfung: Alle 2 Jahre durch ZÜS (zugelassene Überwachungsstelle)
  • Zwischenprüfung: Jährlich (bei hoher Beanspruchung halbjährlich)
  • DGUV V3: Elektrische Prüfung nach Unfallverhütungsvorschrift

Wartung

  • Herstellervorgaben: Wartungsintervalle laut Betriebsanleitung
  • Dokumentation: Prüfbuch/Anlagenbuch mit allen Eingriffen
  • Notfallplan: Reaktionszeiten bei Störung vertraglich festlegen

Konsequenzen bei Verstößen

BußgelderVersäumte Prüfungen können mit Bußgeldern bis 10.000 EUR geahndet werden.
HaftungBei Unfällen haftet der Betreiber persönlich, wenn Prüfpflichten verletzt wurden.
StilllegungDie Behörde kann den Betrieb bis zur Mängelbeseitigung untersagen.

9Ergänzende Vorschriften

DGUV Information 208-028

Sicherer Betrieb von Fahrtreppen und Fahrsteigen

DGUV Information 208-029

Montage, Demontage und Instandhaltung

Maschinenrichtlinie 2006/42/EG

EU-weite Grundlage für Maschinensicherheit

BetrSichV

Betriebssicherheitsverordnung (Deutschland)

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