DIN EN 115: Sicherheit von Fahrtreppen und Fahrsteigen
Alles über Rolltreppen-Sicherheit: Synchronlauf von Handlauf und Stufen, Einzugsstellen, Not-Halt-Anforderungen und Nachrüstpflichten für Bestandsanlagen.
Warum eine eigene Norm?
Fahrtreppen transportieren täglich Millionen Menschen in Einkaufszentren, Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden. Im Gegensatz zu Treppen bergen sie spezifische Gefahren durch bewegliche Teile: Einzugsstellen an den Stufen, der endlos laufende Handlauf und das komplexe Zusammenspiel von Mechanik, Elektrik und Steuerung erfordern eigene Sicherheitsvorschriften.
Interaktiver Rechner: Sicherheits-Check Ihrer Fahrtreppe
Prüfen Sie anhand weniger Eingaben, ob Ihre Fahrtreppe den aktuellen Sicherheitsanforderungen entspricht und wo Nachrüstbedarf besteht.
1Struktur der Normenreihe DIN EN 115
Die Norm gliedert sich in mehrere Teile, die unterschiedliche Aspekte und Anwendungsfälle abdecken:
Teil 1: Konstruktion & Einbau
DIN EN 115-1:2018-01Gilt für alle neu zu errichtenden Fahrtreppen und Fahrsteige. Definiert sicherheitstechnische Anforderungen an Design, Material, Antrieb und Installation.
- CE-Kennzeichnung erforderlich
- Harmonisiert mit Maschinenrichtlinie
- Vermutungswirkung bei Anwendung
Teil 2: Bestandsanlagen
DIN EN 115-2:2021-12Regeln für die Erhöhung der Sicherheit bestehender Anlagen. Ermöglicht einen risikobasierten, schrittweisen Nachrüstansatz für ältere Fahrtreppen.
- Risikobewertung nach Kategorien
- Selektive Nachrüstung möglich
- Wirtschaftliche Planung
2Kritische Sicherheitsbereiche
Fahrtreppen weisen aufgrund ihrer Konstruktion spezifische Gefahrenstellen auf, die normativ geregelt sind:
Einzugsstellen
Zwischen Stufen und Seitenwand (Sockelblech) bestehen Spalte, die Kleidung, Schuhe oder Finger einziehen können.
Handlauf-Einzug
Der Gummi-Handlauf wird an beiden Enden in das Gehäuse eingezogen - Gefahr für Finger, Haare und Schals.
Kammplatten
Am Ein- und Ausstieg verzahnen sich die Stufen mit den Kammplatten. Schnürsenkel und lange Kleidung können sich verfangen.
Besondere Risikogruppen
Finger in Spalten, Spielen auf Stufen
Gleichgewicht, Reaktionszeit
Weiches Material kann eingezogen werden
Schwierige Orientierung
3Handlauf-Synchronisation
Ein zentrales Sicherheitsmerkmal ist der Gleichlauf von Handlauf und Treppenstufen. Wenn der Handlauf langsamer läuft als die Stufen, können Passagiere nach hinten fallen.
| Parameter | Anforderung |
|---|---|
| Geschwindigkeitstoleranz | 0% bis +2% |
| Überwachung | Automatische Abschaltung |
| Nenngeschwindigkeit | max. 0,5 m/s (Standard) |
| Handlauf-Bruchlast | min. 25 kN |
Warum läuft der Handlauf manchmal schneller?
Ein leicht schnellerer Handlauf ist Absicht: Er kompensiert Verschleiß und Schlupf des Gummibandes. Ein zu langsamer Handlauf würde dazu führen, dass Passagiere nach hinten kippen - deutlich gefährlicher als ein leicht schnellerer Handlauf.
4Not-Halt-Einrichtungen
Im Notfall muss die Fahrtreppe sofort gestoppt werden können. Die Anforderungen an Not-Halt-Schalter sind streng geregelt:
Position der Schalter
- Pflicht: Am Eingang (unten) und Ausgang (oben) jeder Fahrtreppe
- Lange Anlagen: Bei >30m Länge zusätzliche Zwischenschalter
- Sichtbarkeit: Gut erreichbar und für jedermann bedienbar
Technische Anforderungen
- Farbe: Rot auf gelbem Hintergrund (seit 2018 verschärft)
- Verriegelung: Nach Auslösung muss manuell entriegelt werden
- Neustart: Kein automatisches Wiederanlaufen nach Reset
Stoppt gefahrbringende Bewegungen. Die Anlage bleibt unter Spannung, wird aber angehalten. Standard bei Fahrtreppen.
Trennt die Anlage komplett vom Stromnetz. Schützt vor elektrischen Gefährdungen, nicht nur vor Bewegung.
5Schutzmaßnahmen gegen Einzug (EN 115-1:2017)
Die 2017er-Überarbeitung der Norm hat die Anforderungen an Schutzeinrichtungen deutlich verschärft:
| Schutzmaßnahme | Beschreibung |
|---|---|
| Schürzen-Bürsten | Stationäre Bürsten im Spalt zwischen Stufe und Seitenwand |
| Schrägplanken | Edelstahl/Glas-Planken mit Schrägstellung (Abrutscheffekt) |
| Stufenstege | Vertikale Rillen auf der Stufenvorderseite |
| Kammplatten-Design | Optimierte Verzahnung gegen Einklemmen |
6Neuerungen EN 115-1:2017 (aktuelle Fassung)
Die Überarbeitung der Norm brachte umfangreiche Sicherheitsverbesserungen:
Elektrische Bremse
Zusätzliche elektrische Bremseinrichtung zur mechanischen Betriebsbremse für redundante Sicherheit.
Brandschutz
Neue Anforderungen an Brandverhalten von Materialien und Brandschutzabschottungen.
Zwei-Hand-Revision
Revisionssteuerung erfordert beidhändige Bedienung - verhindert Unfälle bei Wartung.
Seismik
Erstmals Anforderungen für erdbebensicheres Design in der Norm verankert.
Bidirektionaler Betrieb
Neue Regelungen für den 2-Richtungs-Modus bei umschaltbaren Fahrtreppen.
Stopp-Anzeige
Hinweisschild für die Notabschalteinrichtung wurde standardisiert und verschärft.
7Nachrüstung nach EN 115-2 (Bestandsanlagen)
Teil 2 der Norm ermöglicht einen risikobasierten Ansatz für bestehende Fahrtreppen. Nicht jede alte Anlage muss sofort komplett erneuert werden:
Risikobewertungsprozess
Sofortiger Handlungsbedarf. Betrifft z.B. fehlende Not-Halt-Schalter oder defekte Bremsen.
Mittelfristige Maßnahmen. Z.B. fehlende Bürsten an Spalten, veraltete Steuerung.
Langfristige Optimierung. Komfort- und Effizienzverbesserungen ohne akute Gefahr.
Wichtig für Betreiber
Die EN 115-2 bietet einen wirtschaftlich tragbaren Weg zur Modernisierung. Maßnahmen können schrittweise umgesetzt werden. Für jede Anlage kann individuell geprüft werden, welche Nachrüstungen Priorität haben.
8Prüfpflichten und Wartung
Fahrtreppen unterliegen als überwachungsbedürftige Anlagen besonderen Prüfpflichten:
Wiederkehrende Prüfungen
- Hauptprüfung: Alle 2 Jahre durch ZÜS (zugelassene Überwachungsstelle)
- Zwischenprüfung: Jährlich (bei hoher Beanspruchung halbjährlich)
- DGUV V3: Elektrische Prüfung nach Unfallverhütungsvorschrift
Wartung
- Herstellervorgaben: Wartungsintervalle laut Betriebsanleitung
- Dokumentation: Prüfbuch/Anlagenbuch mit allen Eingriffen
- Notfallplan: Reaktionszeiten bei Störung vertraglich festlegen
Konsequenzen bei Verstößen
9Ergänzende Vorschriften
Sicherer Betrieb von Fahrtreppen und Fahrsteigen
Montage, Demontage und Instandhaltung
EU-weite Grundlage für Maschinensicherheit
Betriebssicherheitsverordnung (Deutschland)