DIN 14094-1: Notleiteranlagen für den Brandfall
Ortsfeste Notleitern zur Selbst- und Fremdrettung: Rückenschutz-Pflicht, Steighöhen (max. 6m), Podestanforderungen und die verschärften Vorgaben seit 2017.
Was regelt die DIN 14094-1?
Die Norm legt Begriffe, Maße und Sicherheitsanforderungen für Notleiteranlagen fest. Sie regelt jedoch nicht, wann eine solche Anlage baurechtlich erforderlich ist – dies ergibt sich aus den Landesbauordnungen und der Abstimmung mit der Brandschutzdienststelle.
Interaktiver Rechner: Notleiteranlagen-Prüfung
Prüfen Sie anhand der wichtigsten Parameter, ob Ihre geplante oder bestehende Notleiteranlage den Anforderungen der DIN 14094-1 entspricht.
Notleiteranlagen-Prüfer nach DIN 14094-1
Prüfen Sie die Normkonformität Ihrer geplanten oder bestehenden Notleiteranlage
Gesamthöhe vom Boden bis zur obersten Ausstiegsebene
Höhe bis zum nächsten Auffangpunkt (Boden/Podest)
Abstand zwischen Sprossenmitte und Wand (mind. 150 mm, empfohlen ≥ 200 mm)
Normvorgabe: 280 mm ± 10 mm
Die Normrevision 2017 verschärfte die Anforderungen
Prüfungsergebnis
Grundsätzlich normkonform
Die geprüften Parameter entsprechen den Anforderungen der DIN 14094-1. Beachten Sie: Dies ersetzt keine vollständige Prüfung durch einen Sachverständigen. Statik, Verankerung und Materialqualität müssen separat nachgewiesen werden.
1Baurechtliche Einordnung und Sicherheitsphilosophie
Notleiteranlagen nehmen im Baurecht eine Sonderstellung ein. Sie sind weder Treppen im Sinne der DIN 18065 noch reguläre Verkehrswege:
Kein regulärer Rettungsweg
Rechtliche EinordnungEine Notleiteranlage ersetzt keinen baulichen Rettungsweg (Treppenraum) und ist kein zweiter Rettungsweg im Sinne des Baurechts. Sie ist ein Notbehelf für Extremsituationen.
- Kein Ersatz für notwendige Treppe
- Kein regulärer Fluchtweg
- Nur wenn andere Mittel versagen
Selbstrettungsfähigkeit
Paradigmenwechsel 2017Die aktuelle Norm betont explizit die Selbstrettungsfähigkeit. Auch ungeübte Personen (Laien) müssen im Panikfall den Abstieg bewältigen können.
- Für untrainierte Personen ausgelegt
- Psychologischer Faktor berücksichtigt
- Kürzere Leiterzüge (max. 6m)
Wichtig: Baurechtlicher Ausnahmefall
Wenn eine Flucht ohne fremde Hilfe nicht möglich ist (z.B. weil die Leiter nicht auf einer gesicherten Fläche endet), handelt es sich um einen Ausnahmefall, der der Zustimmung der Bauaufsichtsbehörde bedarf. Die Planung muss immer die Brandschutzdienststelle einbeziehen.
2Einzügige vs. Mehrzügige Anlagen
Die Unterscheidung zwischen einzügigen und mehrzügigen Anlagen ist ein zentrales Sicherheitsmerkmal der DIN 14094-1:
Einzügige Anlagen
Ein durchgehender Leiterzug vom Boden bis zur Ausstiegsebene. Zulässig bis 10 Meter Steighöhe.
- Einfachere Konstruktion
- Geringere Kosten
- Schneller Abstieg möglich
Mehrzügige Anlagen
Unterbrochene, versetzte Leiterzüge mit Zwischenpodesten. Ab 2017: Max. 6 m pro Leiterzug (zuvor 10 m).
- Begrenzte Fallhöhe bei Absturz
- Ruheflächen für Erschöpfte
- Psychologisch weniger bedrohlich
Verschärfung 2017: Reduktion der Zuglänge
Die Normüberarbeitung 2017 reduzierte die maximale Länge eines einzelnen Leiterzuges von 10 m auf 6 m – eine Reduktion um 40%. Grund: Untrainierte Personen ermüden unter Stress schneller. Ein 6-Meter-Abschnitt ist für die Selbstrettung physiologisch deutlich sicherer.
3Geometrische Anforderungen
Die Maße der Notleiter sind so gewählt, dass sie auch mit schwerer Ausrüstung (Feuerwehrstiefel, Pressluftatmer) begehbar sind, gleichzeitig aber auch kleineren Personen Halt bieten:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Sprossenabstand | 280 mm ± 10 mm |
| Sprossenauftritt (Tiefe) | min. 20 mm |
| Auftrittsbreite | ≥ 500 mm (typisch) |
| Wandabstand | ≥ 200 mm (150 mm min.) |
| Wandankerabstand | max. 2.000 mm |
| Sprossenprofil | Profiliert/Rutschhemmend |
4Rückenschutz – Das zentrale Sicherheitselement
Der Rückenschutz ist das wichtigste passive Sicherheitselement einer Notleiteranlage. Die Norm 2017 hat hier die Anforderungen deutlich verschärft:
Notleitern ohne Rückenschutz waren bis 5 m Absturzhöhe zulässig. Die Norm kannte beide Varianten.
Der Begriff „Notleiteranlage ohne Rückenschutz" existiert nicht mehr. Ab 5 m Absturzhöhe ist Rückenschutz zwingend.
Beginn des Rückenschutzes
Über der Antrittsebene. Zu tief = Kopfstoßgefahr beim Einstieg. Zu hoch = Person auf ersten Metern ungeschützt.
Korb-Durchmesser
Kritischer Kompromiss: Eng genug zum Auffangen, weit genug für Feuerwehrmann mit Atemschutzgerät.
Höhe über Ausstieg
Rückenschutz muss mindestens 1 m über die Ausstiegsebene hinausragen. Handlauf: min. 1.100 mm.
5Statik und Befestigung
Die statischen Anforderungen wurden 2017 signifikant erhöht, um realistische Rettungsszenarien abzubilden:
| Lastfall | Alt (vor 2017) | Neu (seit 2017) |
|---|---|---|
| Lotrechte Verkehrslast (Podeste) | 3,5 kN/m² | 4,0 kN/m² |
| Einzellast (ungünstigste Stelle) | 1,5 kN | 2,0 kN |
Kritisch: Befestigung bei Wärmedämmung (WDVS)
Moderne Gebäude haben oft 20-30 cm dicke Wärmedämmungen. Die Maueranker müssen diese Distanz überbrücken, was zu großen Biegemomenten führt.
- Dübelzulassung: Nur mit bauaufsichtlicher Zulassung für dynamische Lasten erlaubt
- Korrosionsschutz: Verzinkung oder Edelstahl V4A zwingend (Witterung)
- Festigkeitsklassen: Alle Verbindungen müssen aufeinander abgestimmt sein
6Podeste und Ausstiegshilfen
Bei mehrzügigen Anlagen sind Zwischenpodeste (Umstiegspodeste) und ggf. Ausstiegspodeste erforderlich:
Zwischenpodeste (Umstiegspodeste)
- Bei mehrzügigen Anlagen zwischen den Leiterzügen
- Dienen als Ruhefläche und Sicherheitspuffer
- Begrenzen maximale Fallhöhe bei Absturz
- Belastung: 4,0 kN/m² oder 2,0 kN Einzellast
Ausstiegspodeste
- Am oberen Ende für sicheren Zugang zur Leiter
- Oft mit Klapp- oder Schwenkbügel als Zustiegssicherung
- Ungehinderter Zugang im Gefahrenfall gewährleisten
- Muss auf gesicherte Fläche führen
7Zugangssicherung und ausfahrbare Elemente
Um Vandalismus oder unbefugtes Beklettern (z.B. durch Kinder) zu verhindern, werden oft Zustiegssicherungen eingesetzt:
Technische Lösungen zur Zustiegssicherung
Unterer Abschnitt hochgeklappt im Normalzustand, bei Bedarf abklappbar
Motorisch oder manuell absenkbar, Sprossen müssen synchronisiert sein
Zugang zum Einstiegspodest durch abschließbare, aber im Notfall schnell öffenbare Tür
Sprossensynchronisation bei ausfahrbaren Teilen
Wenn ein unteres Leiterteil ausfährt, müssen die Sprossen im abgesenkten Zustand exakt zum festen Leiterteil passen. Das Rastermaß (280 mm) darf nicht unterbrochen werden, um Stolperfallen zu vermeiden. Die Norm fordert, dass die Sprossen beider Segmente auf gleicher Höhe liegen.
8Betreiberpflichten und Prüfungen
Der Betreiber einer Notleiteranlage hat umfangreiche Pflichten zur Gewährleistung der Betriebssicherheit:
Freihaltung und Zugänglichkeit
Die Notleiteranlage muss jederzeit frei gehalten und benutzbar sein. Keine Lagerung von Gegenständen, kein Versperren des Zugangs.
Wiederkehrende Prüfungen
Regelmäßige Prüfung durch geeignetes (sachkundiges) Personal. Dokumentation aller Prüfungen und Reparaturen. Aufbewahrung der Prüfnachweise.
Zweckbestimmte Nutzung
Notleiteranlagen sind ausschließlich als solche zu benutzen – kein regulärer Verkehrsweg, kein Spielgerät, kein Lagerort.
Einbindung Brandschutz
Bei der Planung ist die Brandschutzdienststelle im Rahmen des Genehmigungsverfahrens einzubinden.
9Werkstoffe und Verbindungen
Die Materialanforderungen stellen sicher, dass die Anlage auch nach Jahren der Witterungsexposition voll belastbar bleibt:
| Anforderung | Beschreibung |
|---|---|
| Tragende Bauteile | Aus metallischen Werkstoffen (Stahl verzinkt, Edelstahl, Aluminium) |
| Verbindungen | Schraubverbindungen oder Schweißverbindungen, Festigkeitsklassen aufeinander abgestimmt |
| Korrosionsschutz | Feuerverzinkung oder Edelstahl V4A (Außenanlagen zwingend) |
| Dübelbefestigung | Nur mit bauaufsichtlicher Zulassung oder besonderer Einzelfallzulassung |
10Zusammenfassung: Die wichtigsten Maße auf einen Blick
Referenzen und weiterführende Informationen
Feuerwehrwesen – Notleiteranlagen – Teil 1: Ortsfeste Notsteigleitern mit Rückenschutz, Haltevorrichtung, Podeste
DIN Media (Normenbezug)Fachportal mit Erläuterungen zu den Normänderungen und praktischen Hinweisen
WEKA Brandschutz-PortalNormendatenbank mit Übersicht zu Ausgaben und Änderungen
BaunormenlexikonKonkretisierung der Norm durch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
DGUV PublikationenDIN 18799-1 (Ortsfeste Steigleitern), DIN EN ISO 14122-4 (Steigleitern an Maschinen)
DIN Media (Normensuche)