Normen

Landesbauordnungen im Vergleich

Föderale Unterschiede: Wo ist die Geländerhöhe 90cm, wo 100cm? Was gilt in Ihrem Bundesland?

Gesetz vor Norm: Die Treppe ist bauordnungsrechtlich das Rückgrat der Sicherheit. In Deutschland unterliegt sie einem komplexen Geflecht aus Landesbauordnungen (LBO) der 16 Bundesländer und technischen Normen (DIN). Diese Seite analysiert die Hierarchie, die Haftungsfallen und die föderalen Unterschiede im Detail.

1Einleitung: Die Schutzziele des Bauordnungsrechts

Im Gegensatz zum Zivilrecht, das den Ausgleich privater Interessen sucht, ist das Bauordnungsrecht reines Gefahrenabwehrrecht. Die Anforderungen an Treppen leiten sich aus drei primären Schutzzielen ab:

Nutzungssicherheit

Verhinderung von Stürzen im Alltag durch Vorgaben zu Steigung, Auftritt, Rutschfestigkeit und Absturzsicherung (Geländer).

Rettungsweg

Funktion als erster vertikaler Fluchtweg im Brandfall (Mindestbreite, Nichtbrennbarkeit, Rauchfreihaltung).

Ergonomie

Berücksichtigung der demografischen Entwicklung (beidseitige Handläufe, Kontraste, Barrierefreiheit).

Interaktiver Rechner: LBO-Check nach Bundesland

LBO-Konformitätsprüfer

Prüfergebnis für Nordrhein-Westfalen
Laufbreite100 cm
Steigung170 mm
Auftritt290 mm
Schrittmaß630 mm
Geländer: min. 90 cm
DIN 18065: bindend
LBO-konform

2Normenhierarchie & Haftungsfalle: LBO vs. DIN

Der Primat des Parlamentsgesetzes

Die Landesbauordnungen (z.B. BayBO, BauO NRW) sind Gesetze. Sie stehen über privaten technischen Regelwerken (DIN).Wenn eine LBO eine Regelung trifft (z.B. Geländerhöhe 90 cm), ist diese bindend, auch wenn eine Norm eventuell 100 cm empfiehlt.

Der Mechanismus der "Einführung" (VV TB)

Eine DIN-Norm wird erst öffentlich-rechtlich bindend, wenn sie in die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB) aufgenommen wird. Hierbei machen fast alle Bundesländer eine entscheidende Einschränkung:

„Von der Einführung ausgenommen ist die Anwendung auf Treppen in Wohngebäuden der Gebäudeklassen 1 und 2 und in Wohnungen.“

Das bedeutet: Im Einfamilienhaus ist die DIN 18065 bauordnungsrechtlich oft nicht bindend. Ein Bauamt kann eine steilere Treppe genehmigen, solange die allgemeine Sicherheit nicht gefährdet ist.

Die zivilrechtliche Haftungsfalle

Auch wenn das Bauamt die Treppe genehmigt ("öffentlich-rechtlich okay"), schuldet der Planer/Handwerker zivilrechtlich ein mangelfreies Werk. Ein Werk ist mangelfrei, wenn es den "anerkannten Regeln der Technik" (also der DIN 18065) entspricht.

Risiko: Bauen Sie im Einfamilienhaus eine steilere Treppe (weil die LBO es erlaubt), ohne den Bauherrn aufzuklären und dies vertraglich zu fixieren, haften Sie bei einem Unfall zivilrechtlich – trotz Baugenehmigung!

3Technische Anatomie nach DIN 18065 (Kurzfassung)

Schrittmaßregel

2s + a = 590 - 650 mm

Die Formel basiert auf der Biomechanik. s = Steigung, a = Auftritt. Eine Verletzung führt zu Stolperunfällen, da der menschliche Rhythmus gestört wird.

Toleranzen

Das Gehirn "programmiert" die Steigungshöhe beim ersten Schritt.

  • Im Lauf: Max. 5 mm Abweichung zwischen Stufen.
  • Antrittsstufe: In Wohngebäuden bis 15 mm Toleranz erlaubt (wg. Bodenaufbau).

4Detaillierte Synopse der 16 Landesbauordnungen

Trotz Musterbauordnung (MBO) gibt es signifikante Unterschiede. Ein Planer muss zwingend wissen, in welchem Bundesland er baut. Hier die wichtigsten Besonderheiten:

Baden-Württemberg (LBO BW)§ 28 LBO / LBOAVO

Besonderheit Geländerhöhe: Weicht vom Standard ab. Gemäß LBOAVO § 10 werden bei Wohngebäuden oft 80 cm (statt 90 cm) toleriert, wenn die Brüstung mind. 20 cm tief ist ("Sitzbankeffekt").

Barrierefreiheit: § 35 fordert in Gebäuden mit >2 Wohnungen barrierefreie Zugänge, was Treppen oft durch Aufzüge ergänzt.

Bayern (BayBO)Art. 32 BayBO

Beidseitige Handläufe: Strengste Regelung. Art. 32 Abs. 6 fordert in Gebäuden mit mehr als zwei nicht stufenlos erreichbaren Wohnungen zwingend Handläufe auf beiden Seiten. Das wird bei der Abnahme oft geprüft.

Berlin (BauO Bln)§ 34 BauO Bln

Barrierefreies Wohnen (BWoV BE): Verschärfte Anforderungen. Treppenläufe müssen bereits ab drei Stufen beidseitig griffsichere Handläufe mit abgerundetem Abschluss haben (Inklusion im urbanen Raum).

Hamburg (HBauO)§ 32 HBauO

Krankentrage-Nachweis: Besonderheit der Hamburger Bauprüfung. Es muss nachgewiesen werden, dass eine Krankentrage (260 x 70 cm) um die Kurven/Podeste transportiert werden kann. Dies führt oft zu größeren Podesttiefen als nach DIN nötig.

Hessen (HBO)§ 37 HBO

Genehmigungsfreiheit: § 63 HBO stellt Außentreppen als Eingangstreppen oft genehmigungsfrei. Das entbindet aber nicht von der Einhaltung der materiellen Sicherheitsanforderungen (Verkehrssicherungspflicht).

Nordrhein-Westfalen (BauO NRW)§ 34 BauO NRW

Außentreppen & Abstandsflächen: Strenge Auslegung. Außentreppen lösen oft Abstandsflächen aus.

Tür-Absatz: Zwingender Absatz vor Türen (Tiefe = Türbreite), um Absturz beim Öffnen zu verhindern ("Stolperfalle" im Bestand).

Schleswig-Holstein (LBO SH)§ 34 LBO SH

Modernisierungsprivileg: § 6 Abs. 10 erlaubt geringere Abstandsflächen beim nachträglichen Anbau von Aufzügen und Treppen zur Barrierefreiheit. Priorisiert soziale Belange vor Nachbarrechten.

Bremen (BremLBO)BremLTB

Treppenlifte im Bestand: Detaillierte Regelung in der BremLTB für "Bremer Häuser". Restlaufbreite von 60 cm bei hochgeklapptem Sitz definiert, um Brandschutz nicht auszuhebeln.

5Übersicht: Anforderungen im Vergleich

BundeslandRechtsgrundlageGeländer (Standard)Besonderheit
Baden-Württemberg§ 28 LBOtlw. 80 cm mgl.Sitzbankeffekt-Regel
BayernArt. 32 BayBO90 cmBeidseitige Handläufe MFH
Berlin§ 34 BauO Bln90 cmStrenges Barrierefrei-Recht
Brandenburg§ 34 BbgBO90 cmFokus Rutschfestigkeit § 16
Hamburg§ 32 HBauO90 cmKrankentrage-Prüfung
Niedersachsen§ 34 NBauO90 cmZweigeteiltes Recht (DVO)
NRW§ 34 BauO NRW90 cmTür-Absatz-Regel
Sachsen§ 34 SächsBO90 cmSicherheitsbeleuchtung >13m

6Brandschutz: Materialität nach Gebäudeklasse (GK)

Die Gebäudeklasse entscheidet über die Materialwahl (Holz vs. Beton).

GK 1 & 2 (Niedrig)

Eigenheim / RH bis 7m

  • Material: Brennbar erlaubt (Holz).
  • Konstruktion: Offene Treppen möglich.

GK 3 (Mittel)

MFH bis 7m Höhe

  • Material: Nichtbrennbar ODER feuerhemmend.
  • Holz: Nur massiv (F30-B Nachweis) zulässig.

GK 4 & 5 (Hoch)

Höhe > 13m / Großbauten

  • Material: Zwingend nichtbrennbar (Stahlbeton, Stahl).
  • Holz: Als Tragwerk verboten.

7Schnittstellen: ASR, Barrierefreiheit & Treppenlifte

ASR A1.8 (Arbeitsstätten)

Sobald eine Treppe in einer Arbeitsstätte liegt (Büro, Gewerbe), gilt die ASR vorrangig.

  • Geländerhöhe: Oft 100 cm gefordert (LBO nur 90 cm).
  • Rutschhemmung: Detaillierte R-Klassen vorgeschrieben.

Treppenlifte im Bestand (Öffnungsklausel)

Nachträglicher Einbau in notwendigen Treppenräumen ist unter Auflagen möglich:

  • Mindestlaufbreite 100 cm nicht wesentlich unterschreiten.
  • Restbreite min. 60 cm (bei hochgeklapptem Sitz) für Feuerwehr.
  • Nichtbrennbare Materialien.

Fazit für Planer

Der Treppenbau in Deutschland ist eine multidimensionale Optimierungsaufgabe. Die Harmonisierung durch die MBO ist weit fortgeschritten, aber die "Teufel" stecken in den Details der Länder-Verordnungen und Verwaltungsvorschriften.

  • Prüfen Sie immer die aktuelle LBO Ihres Bundeslandes.
  • Arbeitsschutzrecht (ASR) sticht oft Baurecht (LBO) bei gewerblicher Nutzung (100cm Geländer).
  • Vereinbaren Sie die DIN 18065 vertraglich, auch im Einfamilienhaus, um Haftungsrisiken zu minimieren.

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