Sicherheit

Geländerfüllungen und der Leitersprossen-Effekt

Warum waagerechte Stäbe für Kinder gefährlich sind. Alles über den Leitersprossen-Effekt und sichere Alternativen gemäß LBO.

Im modernen Treppenbau dominieren oft Ästhetik und Minimalismus. Besonders beliebt sind waagerechte Edelstahlstäbe oder gespannte Drahtseile, die dem Raum eine maritime, offene Weite geben. Doch für Eltern und Sicherheitsbeauftragte läuten hier die Alarmglocken: Was für Erwachsene schick aussieht, ist für Kleinkinder eine unwiderstehliche Einladung zum Klettern.

Dieser Artikel erklärt den sogenannten „Leitersprossen-Effekt“, beleuchtet die rechtlichen Fallstricke und zeigt Lösungen auf, die Sicherheit und Design vereinen.

Was genau ist der Leitersprossen-Effekt?

Der Begriff beschreibt eine Konstruktionsweise von Geländerfüllungen, die es Kindern ermöglicht, ihre Füße aufzusetzen und sich daran hochzuziehen – genau wie an einer Leiter.

Das physikalische Risiko:
  • Das Kind nutzt horizontale Elemente (Stäbe, Seile, Zierelemente) als Trittstufen.
  • Es klettert so hoch, dass sein Körperschwerpunkt über dem Handlauf liegt.
  • Ab diesem Punkt verliert das Geländer seine Schutzwirkung; das Kind kann in das Treppenauge oder den freien Raum stürzen.

Wichtig zu wissen: Der Effekt betrifft nicht nur massive Stäbe. Auch straff gespannte Drahtseile oder weit vorstehende Glashalter können als „Steighilfe“ missbraucht werden.

Die rechtliche Basis: DIN und Bauordnungen

In Deutschland ist der Treppenbau kein rechtsfreier Raum. Zwei Regelwerke sind entscheidend:

1. Die Landesbauordnungen (LBO)

Die Bauordnungen der Bundesländer sind das Gesetz. Fast alle fordern sinngemäß: In Gebäuden, in denen mit der Anwesenheit von Kleinkindern zu rechnen ist (Wohnungen, Kitas, Schulen), müssen Umwehrungen so gestaltet sein, dass ein Überklettern erschwert wird.

2. Die DIN 18065 (Gebäudetreppen)

Die Norm unterscheidet zwei Gefahren: das Hindurchfallen und das Überklettern.

  • Gegen das Hindurchfallen: Öffnungen max. 12 cm.
  • Gegen das Überklettern: In Kitas sind horizontale Leitern im unteren Bereich (bis 60/70 cm Höhe) absolut tabu.

Material-Check: Welches Design ist sicher?

Nicht jedes Geländer ist gleich gefährlich. Die folgende Tabelle hilft bei der Einordnung.

Bauweise / FüllungBewertungErläuterung
Senkrechte Stäbe Sehr sicherDer Klassiker. Wenn der Abstand < 12 cm ist, gibt es keine Trittmöglichkeit.
Vollglas / Platten Sehr sicherSicherheitsglas (VSG) oder geschlossene Platten bieten keinerlei Halt für Füße.
Lochbleche Bedingt sicherHängt von der Lochgröße ab. Sind die Löcher groß genug für Kinderschuhe, werden sie zur Kletterwand.
Horizontale Gurte GefährlichEdelstahl-Querstäbe sind die häufigste Ursache für den Leitersprossen-Effekt.
Drahtseile GefährlichSeile geben nach (Gefahr des Durchrutschens mit dem Kopf) und dienen gleichzeitig als Leiter.

Konstruktive Lösungen für Bauherren

Vertikale Lösung

Die einfachste Methode ist die Drehung der Füllstäbe um 90 Grad. Senkrechte Stäbe strecken den Raum optisch oft sogar und verhindern das Klettern effektiv.

Innenliegende Scheibe

Möchten Sie auf die Optik horizontaler Stäbe nicht verzichten, können Sie auf der Innenseite eine Scheibe aus Polycarbonat oder Sicherheitsglas anbringen. Die Oberfläche wird glatt.

Der „Böttcher-Griff“

Ein weit nach innen überstehender Handlauf soll verhindern, dass das Kind oben ankommt. Vorsicht: Dies ist keine normgerechte Garantie und für kleine Kinder oft kein Hindernis.

Checkliste: Ist Ihre Treppe kindersicher?

  • Sind alle Öffnungen zwischen Stäben schmaler als 12 cm?
  • Ist der Spalt zwischen der Stufe und dem Geländer kleiner als 12 cm?
  • Gibt es im Bereich bis 70 cm Höhe keine horizontalen Elemente (Querstäbe, Seile)?
  • Sind Glashalter oder Verschraubungen so flach, dass man nicht darauf stehen kann?
  • Ist die Geländerhöhe ausreichend (im Privathaus meist min. 90 cm)?
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